Fats=Waller=Drive


Meb gewidmet : Es zockt.
Angefertigt Mittwoch 28 Februar 2018

Obiges Beispiel stellt einen vereinfachten Stride dar. Am besten nur mit links gespielt. Auf die Eins kommt der Baßton, das Ganze gehörte eine Oktave tiefer. Auf zwei kommt der Akkord, dessen oberster Ton mit dem Daumen minimal nachgeschlagen wird, weswegen der zweite Takt das präziser notieren möchte. Der Bass kann alle Strideformen annehmen, so Dezimen mit Quinte. Die Akkorde können komplizierter werden, Sextakkorde (I und IV) in Grundstellung und zweiter Umkehrung, Septakkorde (V) als Nonenakkorde.
Die Idee stammt teils aus einem You tube video, dort wird erläutert wie ein hängender Mittelfinger, Schläge vorwegnimmt, (und der kleine Finger rechts den oberen Ton, die erste Stimme nachschlagen könnte) auch im Zusammenhang mit Wallers Spiel, das kann man für Akkorde der rechten Hand einsetzen. Der eigenen geschmackvollen Variation steht nichts im Weg. Das lässt sich sehr sehr subtil einsetzen und man bekommt gleich Wallers Gestik und Fingerhaltung.

Weiter kann man die Oktavparallelen mit Quinten benutzen, die wegen der teils falschen Noten wie Orgelregister wirken. Wie im Artikel zu Red Garland erläutert.

Wenn man diese auf die Sexten legt, bekommt man große Terzen auch bei Mollklängen. Auf den Terzen bekommt man große Septimen bei Dominantseptakkorden. Und legt man sie auf die kleinen Septimen bekommt man Quarten also Vorhalte, die Waller ausgiebig nutzt.

Man sehe sich nun Waller selbst bei youtube mit Aint Misbehavin aus dem Film Stormy Weather an, Man sieht einmal kurz für zwei Akkorde, wie er den linken Daumen bei den Akkorden nachschlägt (Ansonsten beobachte man die Hämmer). Man sieht auch an den Klavierhämmern, dass er fleissig Töne dazwischenmischt.

Und den auffälligen retardierenden Vorhalt mit es und d mit Unteroktavton.

Und abschliessendem Abwärtsgang. Diese Auffassung von Vorhalt als Rhythmus kann man überall einwerfen.

Man spielt einfach, Pentatoniken, Durbluestonleitern zu Sextakkorden, denn Leittöne benutzt man kaum.

Im Sinne von Mulgrew Miller, Walter Davis junior und James Williams kann man diese Gebilde auch eine ganze Kadenz stehen lassen und pentatonisch anreichern. Wobei man teils sechstönige Skalen bekommt, die einen weiten harmonischen Rahmen ausfüllen. So in Autumn Leaves in a-moll beginnend, die Durterz und die große Sexte, die zur Tonika e-moll passt, die große Septime bei D7 bietet und die übermäßige Quarte in der parallelen Durtonart G mit G maj 7. Uns so weiter. (My Favorite Things bei Coltrane.)

Töne werden bei Waller durch zwei Halbtonschritte von unten bestätigt. In seinen Kompositionen arbeitet er dann konsequent harmonisch oft das umgekehrte Gebilde ein, ein Gang von Hallbtonschritten nach unten.

Insbesondere der Übergang

besticht durch die gefärbte Durterz in den Oberstimmen, als ein Beispiel des oben Erwähnten, die orgelregisterartig aufgefasst werden müssen. Auch entsprechen den Dezimen Orgelregister. Weswegen Waller auch gerne Orgel spielte. Und die neue Hammond.

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"Der Spiritual ist ein echtes Zeugnis der Auseinandersetzung" schwarzer[1] "Musik mit der abendländischen. ... Die Melodik paßt sich den Erfordernissen der dominantischen Tonalität an: sie bekommt abgeschlossenen Formcharakter durch Kadenzschlüsse; nur das abendländische Gesetz des Leitetons braucht noch lange, um sich durchzusetzen." Alfons M. Dauer, Jazz

[1] (politisch korrigiert)

Wie man aus guter musiktheoretischer Literatur ablesen kann, ist es wahrscheinlich, dass es das Gesetz des Leitetons gar nicht gibt, dass wir einen Leitton haben ist, dabei eine Zusammenfassung aller gültigen Stimmführungsregeln, die dann in der Zusammenschau immer wieder eine Leittonwendung aufweisen und bestätigen und auffinden lassen, der aber keine Strenge eines Gesetzes haben kann. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn man den Jazzern unterstellt, dass sich der die Durchsetzung des "Gesetzes" des Leitetons nur eine Imitation ist und gerade sich jede abendländische Tradition nicht durchsetzt, sondern nur eingebunden wird, um sie umso bestimmter zu verletzen, wenn sie dem afrikanischen Teil der Musikbildung widerspricht. Gerade im künstlerischen Ausgleich dieses Zuwiderlaufens oder dem Nachgeben liegt doch der Reiz und der seelische Ausdruck.

Als heuristisches Modell sei der Rythmus als Atmung aufgefasst, die sich in Halbtönen bewegt (Coltrane. Oder man imitiere einen I-aah schreienden Esel). Ein Dur- Molltonalität mit Harmonik und Leitton lässt sich nur unter Verschiebung des Atemrhythmus (in Seufzer oder Schrei) zeitweise herstellen. Nun ist eine Verschiebung selbst eines afrikanischen Rhythmus
künstlerischer Ausdruck und der Monotonie entgegengesetzt.

Umgekehrt lassen sich extreme intervallische Spannungen der klassischen Dur-Mollmusik wie Nonen durch harmonische Nachziehen oder Modulieren erstmal als lebendiger Ausdruck werten und wenn ihnen ihre Spannung zugrundeliegt, die sich auflöst in ein Einatmen, Ausatmen, Seufzen, Lust und Sehnen umdeuten, das sich dann in der Klassik vielleicht im Rhythmus wiederfindet, (oder beispielsweise die vielen Triolen bei Bach Mozart Beethoven Schubert erst motiviert., denn erst dann sind sie nicht mehr rhythmisch stereotyp.)

Ich schreibe diesen Vorschlag, diese Suggestion, nur, weil ich glücklich älter bin als Waller. McCartney lobt Waller.

Es lässt sich schwer notieren, weshalb man es in keinen Lehrbüchern findet, auch bei den diversen Dur-Mollvermischungen versagt regelmäßig die Notation: Man kann es notieren, es gibt aber nicht mehr die Herkunft, oder Ableitung aus der Stimmführung wieder.

Ich weiß nicht, was es bedeutet, dass das vierzig Jahre offensichtlich war, ich es aber erst jetzt niederschreiben und selbst geniessen kann. Es wird schon etwas heißen.

Zum Blues Improvisieren schreiben wir noch eine heuristische Bluestonleiter à la Bobby Hutcherson hin, sie hat keinen "Leiteton". Zum Beispiel F-Blues:

(Erweckung)

Attila Zoller weist darauf hin, dass die Molltonika die melodische Molltonleiter aufwärts benutzt mit großer Septime und großer Sexte, und nicht die äolische oder dorische mit kleiner Septime. Attila Zoller ist ein guter Jazzer und ich habe, das ausprobiert: es funktioniert nicht. Es klingt zwar richtiger als äolisch, aber fast immer schlecht oder genauer gesagt für Jazz unpassend. Da das Rezept ein Spiel mit Halbtönen ist, mit Leittönen, kann man den Gedankengang umdrehen und ihn zur Vermeidung von Halbtönen verwenden. Das werde ich üben.

Das vielleicht zur Motivierung der halbtonfreien Leiter oben.

Soll ich sagen, ich teile das mit, weil das die praktikable Wahrheit zu meinem Erweckungserlebnis im Jazz ist? Erweckend war Count Basie, wie er zwei Akkorde rhythmisch prägnant und treibend hintupft, er hat es von Waller und auch ebenso seinen holprigen chaotischen Stride.

Es geht um das Improvisieren. sie haben losgespielt ohne sich um ihre "Klassik" zu kümmern, also sollten die Elemente einfach und eingängig sein.

Es gab im Fernsehen eine älteren Kinofim, eine Gangsterkomödie, in der die Gangster ein illegales Spielkasino auf einer Drehbühne betrieben. Als die Razzia sich in kurzfristig ankündigte, drehte sich das Lokal und verwandelte sich in eine Kirche. In der dort stattfindenden Predigt, bekannten sich die Gemeindemitglieder, die Gangster, mancher "Sünden" es war völlig übertrieben, aber gerade der Aberwitz war ernsthaft erweckend, man nahm den Gangstern ein Bewußtsein für Läuterung ab. [Übertrieben ist stets das Aufgreifen klassischer Musik, Tänze durch die Jazzer.] Die Expressivität fände man auch bei Waller, den Gospelslides (Tastaturrutscher), die harschen kleinen Nonen, Chromatiken, wie Monk, der rhythmisch auch sehr prägnant ist und Harmonie versucht! Der im Gegensatz zur Dur-Molltonalität völlig sorglose Umgang mit Halbtönen (die ja an eine riemannsche Funktion gebunden sein sollten) die rhythmische Verspieltheit, die Lautmalerei, die kein Tonikaende aufkommen lässt. Und das restliche hier erwähnte.

Die Erweckung beruht doch manchmal simpel auf der Subdominante über dem Dominantbass. In C also F über G. oder f-moll über G, auch als Sextakkord.

Die afrikanische Rhythmik kennt keine europäischen Tonleitern sondern nur ihrem Zweck nützliche Tonauswahlen (ein chromatisches Xylophon ist genaugenommen völliger Unsinn im afrikanischen Sinn), die nicht einfach pentatonisch sind, sondern raffinierter unterschiedlicher. Jedenfalls darf man von rhythmischer Seite keine Auflösung der Problematik der Endwendungen, wie sie aus der klassischen Musik kommt, erwarten. Aber rhyhtmisch stellen sie einiges zur Verfügung. Was sich schon im Ragtime findet. (Vielleicht herrscht einfach Gleichberechtigung der plagalen Kadenz mit der authentischen.)

(In meiner künstlerischen Geschmacksentwicklung stellte ich eine Entwicklung vom Abstrakten zum Realen fest, hier stellt sich die Frage, ob die Modernen mit ihrer programmatischen Experimentierlust mehr Klassiker, Klassisches schufen als Waller mit dem simplen weiterverwertbaren Jitterburg Waltz und seinen anderen Kompositionen, oder was seine Erneuerung des Swing eigentlich bedeutet, er ist klassisch auf dem Carnegie Hall Concert von 1938, ist die Erneuerung vielleicht nur die Realisierung des jederzeit Machbaren. Nutzen sich die glatten Achtel, die Dissonanzen, die bloß arpeggierten Harmonieerneuerungen der Bopper, wenn kein Swing unterliegt nicht völlig ab? Ist der glatte Rhythmus nicht thematisch tot? Schwingt da nicht besser immer ein klassischer Fats-Waller-Drive mit? In diesem Sinne. Und weil sich der Kreis mit dem etwas nervösen James Williams schließt. Oder der Vorwegnahme im Bop, oder dem Nachhängen im Swing.)

Da ich nicht religiös bin, stelle ich die Erweckung als wahre Empfindung eines seelischen Ausdrucks hin.

Billigung


Jitterburg Waltz komponierte Waller nach einem Übungsstück seines Sohnes, den er nachts weckte um es ihm vorzuspielen. Anfangs weniger erfolgreich ist es ein Standard geworden. Waller hat es auf der Hammondorgel wenig pianistisch eingespielt. Er starb kurze Zeit darauf. Bobby Hutcherson spielt es in atemberaubendem Tempo. Wenigstens konnte Waller ausgiebig nachts spielen und konnte sich ein Klavier halten.

Mit etwas Fantasie könnte man diese Komposition als Anwendung von Wallers Drive Prinzip ansehen, nur dass es verlangsamt und verdeutlicht ist. Man vergleich sein Notenbild mit dem obersten hier. Der obere Ton wird immer nachgeschlagen.

thematik

Angefertigt Donnerstag 22 März 2018

Das Motiv besteht rhythmisch aus meist sehr gerade (nicht swingend) gespielten springenden Achteln und folgt einfach den Tönen der Leiter.

Dieser Gang wird fast unverändert (ab der Oktave es' wird es gedrängt) über vier Takte fortgesetzt bis zur unteren Dezime c, über eine kadenzierende Wendung wiederholt und mit einer zweiten Wendung zu F moduliert. Im Notenbild imponieren die plagalen abwärtsgehenden Quarten (wegen der Balken), klanglich imponieren die aufwärts gehenden Terzen und der Gang der tiefen Noten in Tonschritten herunter. Der zugehörige Stride betont die Schläge eins und zwei, die dritte Zählzeit hat Pause oder ist leise. (Ebenso in Wallers Bläsersatz oder der Gitarrist im weitesten Sinne.)

Hier tritt dasselbe rhythmische Motiv auf der Stelle, und wird mit einem stehenden Klang abgeschlossen (gehaltenes g'), und unterscheidet sich klanglich minimal, und suggeriert eigentlich nur einen Tongeschlechtswechsel. Nach As-moll 6 folgt wieder F7 mit demselben Motiv, was zur Wendung zur Wiederholung beziehungsweise zum plagalen Schluss wird.

Harmonisch fallen bei drei funktionalen Dominanten hauptsächlich plagale Elemente auf.

Man kann das rhythmische Motiv als sehr langsam gespieltes Element, immer etwas, die obere Stimme, nachzuschlagen, eines "Fats Waller Drive" auffassen.

Schluß


[Nun fehlt noch die Korrektur meiner vorher geäusserten Fehler. Diese kann man nun als Farbenspielerei weiterverwenden. Garland hat keine Nonen, sondern Oktaven. Aber Waller hat Nonen, nämlich Grundtöne und Oktaven mit untergelegter kleiner Septime, oder gleich zwischen Grundton und Terz eingemischte Sekunden. Dann passt es.]

Es gibt einen andern hartswingenden Pianisten: Thelonious Monk. [Wallers Sohn Maurice spielte anders als sein Vater. Ob modern aber ohne Wallers Erneuerung eine Rolle spielt?] Man spiele ganze Akkorde mit leicht nachgeschlagenem Daumen. Dann stimmt auf einmal die Phrasierung von Straight No Chaiser von ganz allein.


Stand: 21.03.2018



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