Gebet des Zoroaſter. (Aus einer indiſchen Handſchrift, von einem Reiſenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.) Gott, mein Vater im Himmel! Du haſt dem Menſchen ein ſo freies, herrliches und uͤppiges Le ben beſtimmt. Kraͤfte unendlicher Art, goͤttliche und thieriſche, ſpielen in ſeiner Bruſt zuſammen, um ihn zum Koͤnig der Erde zu machen. Gleichwohl, von unſichtbaren Geiſtern uͤberwaͤltigt, liegt er, auf ver 10 wundernswuͤrdige und unbegreifliche Weiſe, in Ket ten und Banden; das Hoͤchſte, von Irrthum geblen det, laͤßt er zur Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geſchlagen, unter Jaͤmmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefaͤllt ſich in ſei nem Zuſtand; und wenn die Vorwelt nicht waͤre und die goͤttlichen Lieder, die von ihr Kunde ge ben, ſo wuͤrden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Menſch um ſich ſchauen kann. Nun laͤſſeſt du es, von Zeit zu Zeit, 20 niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Ei nes deiner Knechte, den du dir erwaͤhlt, daß er die Thorheiten und Irrthuͤmer ſeiner Gattung uͤber ſchaue; ihn ruͤſteſt du mit dem Koͤcher der Rede, daß er, furchtlos und liebreich, mitten unter ſie trete, und ſie mit Pfeilen, bald ſchaͤrfer, bald lei ſer, aus der wunderlichen Schlafſucht, in welcher ſie befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, haſt du, in deiner Weisheit, mich wenig Wuͤrdigen, 2 zu dieſem Geſchaͤft erkoren; und ich ſchicke mich zu 30 meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem Gefuͤhl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit der Einſicht in alle Erbaͤrmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen es die Folge iſt. Staͤhle mich mit Kraft, den Bo gen des Urtheils ruͤſtig zu ſpannen, und, in der Wahl der Geſchoſſe, mit Beſonnenheit und Klug heit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt, be gegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir 40 zum Ruhm, niederwerfe, den Laſterhaften ſchrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloßen Geraͤuſch der Spitze uͤber ſein Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weiſe, den, der dir wohlgefaͤllig iſt, kroͤne! Ueber Alles aber, o Herr, moͤge Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Ge ringfuͤgigſte nicht, gelingt: auf daß dein Reich ver herrlicht und erweitert werde, durch alle Raͤume und alle Zeiten, Amen! 50